DAS GESCHENK

Es war sein 35. Geburtstag, ein besonderer Tag, an dem er ein besonderes Geschenk, an einem besonderen Ort erhalten sollte.

 

Sie kam völlig unerwartet, wie aus dem Nichts, von einer Minute auf die andere, überraschte sie ihn mit ihrer Ankunft.

Sie veränderte sein Leben schlagartig, überrollte ihn mit ihrer Anwesenheit, erdrückte ihn mit ihrer Berührung, legte sich mit einer unaufhörlicher Schwere auf ihn und ließ ihn nicht mehr los.

 

Er fühlte sich machtlos, klein, schwach und winzig in ihrer Gegenwart. Sie sprühte vor unendlich erscheinender Energie, stetig anwachsender Kraft und immer wiederkehrender Präsenz, war nicht zu stoppen, unaufhaltbar und besessen von ihm.

 

Er hatte keine Erfahrung mit einer Begegnung wie dieser, so heftig und unverhofft, so stark und gewaltig, so niederschmetternd und erstickend. Sie machte ihm Angst, löste Unbehagen in ihm aus und schnürte ihm seinen Hals zu.

 

Sie trug ein weites weißes wallendes Kleid, wie die Braut einer Hochzeit, welche einen Lebensbund mit ihm eingehen wollte, sich für immer und ewig an seine Seite zu klammern versuchte, eine innige Verbindung mit ihm vorhatte, die er allerdings nie in Betracht gezogen hatte.

 

Er war geblendet von dem Weiß, der Intensität, die sie ausstrahlte, konnte kaum etwas sehen und schloss seine Augen. Er konnte sie deutlich spüren, fühlte ihre Nähe und roch ihren so eigenen Duft.

Er erschrak bei der Kälte, die von ihr ausging. Sie war alles andere als wärmend und heißblütig, sie war kühl und kaltherzig.

 

Er fühlte sich nicht wohl in ihrer Anwesenheit, hatte Angst, wurde ohnmächtig, wie gelähmt und sah sich dem Tode nahe.

 

Nach einiger Zeit, die ihm als unendlich erschien, öffnete er seine Augen wieder, vernahm ein schwaches Leuchten, einen gedämpften Lichtstrahl, der ihn blendete. Es wurde heller und heller, sie wurde leichter und leichter, verblasste, löste sich in Nichts auf und verschwand aus seinem Gesichtsfeld.

 

Noch nie hatte er sich so frei gefühlt, so unendlich frei, wie in diesem Augenblick. Die Befreiung aus ihren Fängen, die Rettung von ihrer Umklammerung und das Verschwinden ihrer Gestalt lösten ihn ihm noch nie da gewesene Gefühle aus. Er spürte sich, seinen Körper, seine Seele und seinen Geist als eine Einheit, ein Ganzes und er wusste, dass er sich nie wieder auf eine Beziehung wie diese einlassen würde.

 

Es war das schönste Geburtstagsgeschenk seines Lebens, als ihn die Hunde fanden, ihn frei schaufelten aus den Fängen dieser so erdrückenden Lawine.

 

Inge Hauser

 

 

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