G E ´ S      Z A U B E R W E L T  

Berührende Begegnung

 

I

 

Ich habe mich verirrt im Dschungel des Denkens, des Zerdenkens von Gedanken, diese in winzige Teile zu zerlegen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich wieder am Anfang bin.

 

In diesen Gedanken versunken, stehe ich in meinem Lieblingscafe, dem Cafe Aroha, welches mir gehört hinter der Theke und räume die frisch gespülten Tassen an ihre Plätze.

Momentan sind zwei Kaffeehausbesucherinnen anwesend. Ihre Unterhaltung fühlt sich sehr vertraut, nahe und innig an, so als ob sie kleine zuckersüße Geheimnisse austauschen, sich in diesen verlieren und mit vollstem Genuss auskosten.

Ich serviere den Beiden gerade zwei Himbeertörtchen, welche die Intensität ihres Austauschs vertiefen werden, da ich sie mit Leidenschaft und aufrichtiger Hingabe gebacken habe, als SIE zur Tür hereinspaziert.

 

Unsere Blicke treffen sich für einen Augenblick, der mir wie eine Ewigkeit erscheint, und es ist mir in dieser Sekunde bewusst, dass diese Begegnung der Anfang meines Lebens ist.

 

Sie wählt den kleinen Tisch, mit der Schublade, mintfarben, den dazu passenden Stühlen, am großen tiefen Fenster, mit Blick auf die Trauerweide, meinem Lieblingsplatz im Cafe.

Sie zieht ihren schwarzen Mantel aus und legt ihn zusammengefaltet auf den Stuhl gegenüber, nimmt ihre Tasche, stellt diese zu Boden und setzt sich auf den rechten Stuhl.

Ich beobachte sie dabei, ich hätte haargenau das Gleiche gemacht, mich ebenfalls auf die Seite des Tisches gesetzt, die Tasche zu Boden gestellt, den Mantel zusammengefaltet über den Stuhl gelegt.

 

Ich würde mir jetzt die kleine bunte Blumenvase genauer ansehen, da ich sie so hübsch finde und danach die Karte studieren, mich für einen Latte und eine Karottentorte entscheiden.

Noch während mir diese Szene durch den Kopf geht, nimmt sie die Blumenvase in die Hand, dreht sie darin, stellt sie mit einem sanften Lächeln ab und wirft einen Blick in die Karte.

Ich mache mich auf den Weg zu ihrem Tisch und begrüße sie freundlich. Sie erwidert mein Willkommen mit einem liebevollen „Hallo“ und einem bezaubernden Lächeln auf ihren Lippen.

Sie bestellt einen Latte und ein Stück Karottentorte, es wundert mich nicht, da ich bereits wusste, dass sie das tut.

Ich zaubere den besten Latte meines Lebens, verziere die Karottentorte mit Schlagsahne, mache mich auf den Weg und platziere den Kaffee und den Teller perfekt vor ihr auf den Tisch, mit einem freundlichen „Bitte“.

Ihr Gesicht spiegelt die Freude über diese Geste wieder und sie bedankt sich herzlich dafür.

 

Die zwei Freundinnen verlangen die Rechnung, beenden ihr Geheimnis austauschendes Plauderstündchen und verlassen fröhlich das Cafe.

Mein Himbeertörtchen hat sicher etwas beigetragen zu ihrer Heiterkeit, davon bin ich überzeugt.

Ich räume den Tisch ab, mache ihn sauber und beende somit eine kleine Geheimniswelt, um Platz für eine Neue zu schaffen.

Mein Blick huscht zu ihr, und ich sehe sie schreibt in ein kleines Buch, mit einem blauen Einband.

Manchmal schaut sie auf, lässt ihren Blick in den Garten, auf die Trauerweide schweifen, um dann in Gedanken versunken weiter zu schreiben.

Ich bin fasziniert und tief berührt, wenn ich sie so sitzen sehe, versunken im Reich der Gedanken, wie ähnlich wir uns sind, welch starke Verbindung zwischen uns ist, ein unsichtbares Band von bedingungslosem Vertrauen. Ich bin überwältigt von dem Gefühl, welches sich über meinen Körper ausbreitet. Wer ist SIE, wer ist diese Frau, die mich aus dem Gedankendschungel, dem Zerdenken der Gedanken befreit, diese verschwinden lässt?

 

II

 

Heute hat das Cafe geschlossen und ich entscheide mich auf den Flohmarkt zu fahren, zu stöbern, zu suchen und zu finden, zu entdecken, was das Leben der Anderen nicht mehr bereichert, sie los werden wollen.

Ich fühle mich äußert wohl in dieser kleinen Welt der unnötigen Habseligkeiten, dem Getümmel zwischen den nutzlos gewordenen Gegenständen, dem Geruch von Vergangenem.

Ich entdecke eine alte Kaffeemühle, die mir sofort ans Herz wächst, als ich sie sehe. Ein älterer Mann, mit langem grauem Bart überlässt sie mir zu einem echt guten Preis. Ich bin glückselig, diesen kostbaren Schatz, diese unerwartete Überraschung mit nach Hause nehmen zu dürfen. In der Euphorie, der enormen Freude über die eben erstandene Kaffeemühle, hätte ich SIE fast übersehen.

 

Sie steht an einem der Tische und interessiert sich für ein Buch. Ich bleibe stehen, einen Sicherheitsabstand haltend und sehe, wie sie es mit ihren zarten Fingern in der Hand hält, durchblättert und aufmerksam darin liest. Sie neigt den Kopf zur Seite und ist sehr vertieft darin.

Wie schön, wie weiblich und sanft sie es durchstöbert, eintaucht in diesen Moment. Sie schließt das Buch, ich kann aus der Entfernung eine wunderschöne Landschaft darauf erkennen, die sie anscheinend tief berührt, sie dahin schmelzen lässt, zum Träumen verleitet und in eine andere Welt transportiert.

Wie frei sie ihrer Gefühlswelt Platz gibt, sich und ihr so sanftes Wesen zeigt, ohne Verstellen, ohne Scham.

Ich ertappe mich neidisch zu werden beim Anblick dieses so vollkommenen Wesens.

In diesem Augenblick dreht sie sich um, unsere Augen treffen sich und sich lächelt mich freundlich an, was mich verlegen zu Boden blicken lässt. Als ich aufschaue ist sie bereits verschwunden.

 

 

III

 

Ich entschließe mich nach dem Schließen des Cafes einen Spaziergang zu machen, zu der großen langen Wiese mit dem kleinen Teich. Ich liebe diesen Weg, der dort hinführt, durch das schöne Waldstück, vorbei an dem kleinen Häuschen, mit dem so lieblichen Garten, den Sonnenblumen und den bunten Tonkugeln am Gartenzaun.

Die alte Dame hat diesen so liebevoll und zauberhaft gestaltet.

 

Von meinem Lieblingsplatz auf der langen Wiese schimmert der Garten wunderschön in der Abendsonne, lässt die Farbenpracht der Blumen leuchten, den Zaun wie einen Rahmen dazu erscheinen. Die eiserne kleine Schaukelbank vollendet dieses Gemälde.

 

Ich sehe die alte Dame aus dem Haus kommen, sie trägt ihren Strohhut, hält eine Flasche Wein und zwei Gläser in der Hand.

Sie hat wohl gerade Besuch, denke ich bei mir, und plötzlich kommt SIE über das zarte Gras gelaufen. Sie bewegt sich leichtfüßig, fast schwebend und voller Sonne im Herzen. Sie setzt sich zu der alten Dame, die Wein in die Gläser einschenkt, welcher tiefrot im Abendlicht schimmert. Sie stoßen an und sie führt das Glas behutsam an ihre Lippen, nippt daran, wie das Glas selbst beschaffen ist, so zerbrechlich, so sanft, so weich.

Sie unterhalten sich. Ich beobachte, wie sie ihr Haar über ihre rechte Schulter legt, anmutig und graziös. Sie stellt das Glas auf ihren Schoß und umschließt es mit ihren schönen Händen. Die alte Dame erzählt ihr etwas, sie ist vertieft in ihre Worte, lauscht einfühlsam und interessiert ihrer Geschichte.

Wie hinreißend dieser Anblick, dieser Moment ist, mich verzaubert, tief in mich eindringt und ergreift. Die alte Dame zeigt in meine Richtung und sie winken mir beide mit einem Lächeln zu. Ich gehe den Weg zurück, doch als ich am Haus vorbeikomme sind die Beiden verschwunden.

 

 

IV

 

Im Cafe ist einiges los, ich habe alle Hände voll zu tun. Es ist ein schönes Gefühl, hinter der alten Theke zu stehen, den Duft von Kaffee in der Nase, die Gewürze zu riechen, all die Düfte der Kaffeewelt um sich zu haben.

Ein ausgesprochen hübscher Mann betritt gerade eben den Raum.

Ich  denke er wählt den Platz mit den roten alten Polstersesseln und dem kleinen Tisch aus Holland, in der hinteren rechten Ecke. Dieser Platz würde zu ihm passen, er ist perfekt für ihn, er ist für ihn gemacht.

Der junge Mann zögert, sieht sich um und entdeckt diesen. Ich freue mich, dass er genau diesen Platz gefunden hat. Er bestellt einen Mocca und einen Schokokuchen, zieht ein Buch aus seiner Tasche  und liest.

 

Ich denke er wartet auf jemand, einen Freund, eine Frau und siehe da, SIE kommt zur Tür herein, sieht sich um, entdeckt ihn und begrüßt ihn mit einem leichten Händedruck. Sie faltet den Mantel, hängt ihn über die Armlehne, stellt ihre Tasche auf den Boden und setzt sich auf den zweiten roten Polstersessel. Sie ist nervös, wie mir scheint, zappelt ganz leicht hin und her, zupft manchmal an ihrem Pullover und spielt immer wieder verlegen mit ihren Haaren.

Er ist ebenfalls aufgeregt, nur zeigt er es anders, versteckter, rührt in seiner Tasse um, schlägt die Beine übereinander, lehnt sich lässig zurück.

Ich denke Sie kennen sich nicht wirklich  gut, eine erste zarte Begegnung, kindlich aufgeregt und verlegen.

Wie schön es ist, was sie mir hier zeigen. Sie verzaubert ihn mit ihrer Schüchternheit, Unbeholfenheit, ihrer Art zu sprechen. Eine sehr zarte Berührung zweier Seelen.

Sie strahlt etwas Magisches, Liebenswertes und Verletzliches aus. Wenn ich sie so ansehe fühle ich mich ihr sehr nahe, kann das unsichtbare Band sehen, diese Verbundenheit zwischen uns, ist so stark spürbar in diesem Moment.

Sie unterhalten sich an die zwei Stunden, immer ungezwungener, freier, lachen gemeinsam und fühlen sich sichtlich wohl dabei. Ich kann spüren, wie sie sich fühlt in seiner Anwesenheit, seinem Sein, so stark wie noch nie.

Beim Verlassen des Cafes wirft sie mir einen Blick zu und als ich an den leeren Tisch komme, liegt das kleine blaue Buch darauf.

Ich nehme es in die Hand und am Buchdeckel steht in wunderschöner Schrift „FÜR DICH“.

Ich lasse mich auf den roten Polstersessel fallen, öffne es und fange an zu lesen.

 

 

V

 

Mein Liebe,

 

schön dir endlich begegnet zu sein, ich habe so lange darauf gewartet.

Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Sehnsucht, welcher Freude, welcher tiefen Liebe ich auf diesen Augenblick gehofft habe.

So viele Male bist du an mir vorübergegangen, hast mich übersehen, überhört, nicht wahrgenommen, obwohl ich immer an deiner Seite bin, Tag und Nacht, an allen Tagen, zu jeder Jahreszeit, an jedem Ort.

Deine Welt der Gedanken hat dich mich nicht spüren lassen, dich eingenebelt, dir eine eiserne Kette um dein Herz gelegt, welches dich einengt, zuschnürt, dir den Atem nimmt und die Sicht versperrt auf dich selbst.

Plötzlich bei meinem ersten Kaffeehausbesuch hast du mich sehen können. All die anderen Begegnungen auch, somit hast du dich gesehen, denn all diese Facetten, dieser für dich so wunderschönen Frau bist du selbst und ich habe sie dir nur vor Augen geführt, für dich fassbar gemacht. Ich bin dieses so sanfte und zarte Wesen in dir, welches du dir nicht eingestehst, dir nicht zu leben, nicht zu zeigen traust, vor dem du dich dein ganzes Leben lang versteckst und davonläufst.

Ich bin froh, dass du es endlich zulässt, dich als diese wundervolle, anmutige und so liebenswerte Frau zu sehen, sie zu spüren, ihr ihren Raum gibst und sie aus deiner Vernunftwelt verbannst.

Schön, dass es dich gibt und ich bei dir sein darf!

 

 

Inge im Juli 2014

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