G E ´ S      Z A U B E R W E L T  

AROHA

Tomo hatte genau noch einen Tag am anderen Ende der Welt. Sie verbrachte bereits den dritten Winter in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke.

Sie liebte Neuseeland, fühlte sich frei wie sonst nirgendwo auf der Welt und war ein anderer Mensch, wenn sie in diesem Land war. Es lag daran, dass ihr die Menschen hier anders begegneten und sie so akzeptierten, wie sie war. Tomo konnte sie selbst sein, eine aufrichtige und liebenswerte junge Frau.

 

Dieses Mal verschlug es sie drei Monate in ein kleines Dorf auf der Südinsel. Das Dorf lag an einer wunderschönen Bucht.

Sie war durch Zufall hierher gekommen. Kahu, ein alter und sehr weiser Maorimann, der sie von der Stadt mitgenommen hatte, setzte sie hier ab und meinte das wäre ein guter Platz, um die Kraft Aotearoas in seiner Ursprünglichkeit zu spüren. Kahu hatte Recht.

 

Tomo ging jeden Tag an den Strand. Es war ein tägliches Ritual die Bucht entlang zu spazieren, den Sand unter den Füßen zu fühlen und dem Meer nahe zu sein, es riechen, hören und sehen.

Die Stimmung an diesem Ort wechselte ständig, war jeden Tag anders und Tomo war immer wieder aufs Neue überwältigt, in welcher Vielfalt die Natur sich ihr zeigte. Die unbändige Kraft der Erde war hier deutlich spürbar.

 

Jon, ein junger Mann aus dem Dorf, der im letzten Haus am Strand lebte, wartete jeden Tag darauf, dass sie vorbei ging.

 

Sie ahnte nicht, dass er das tat.

 

Jon sah Tomo, als sie das erste Mal den Strand entlang kam und seit damals schlich sich die hübsche junge Frau immer und immer wieder in seine Gedanken.

Ihre Erscheinung war so anmutig, ihre Bewegungen so leichtfüßig, fast wie ein Schweben, wenn sie über den weichen Sand ging. Er sah die Freude in ihrem Gesicht, die sie in ihrem Innern empfand, wenn sie am Strand dahin spazierte und war vom ersten Moment an von ihr verzaubert.

 

An manchen Tagen machte Tomo kleine Kunstwerke im Sand. Sie legte Muscheln in Mäandern auf, ordnete Steine als Spiralen an oder schrieb ihre Gedanken in den Sand.

Immer wenn Tomo gegangen war, lief Jon an den Strand und betrachtete ihre Werke, nahm Steine weg, legte welche dazu, las was sie in den Sand geschrieben hatte und antwortete auf ihre Gedanken. Es war seine Art mit ihr zu reden, ihr seine Bewunderung und Verehrung darzulegen.

Tomo wusste nicht, dass etwas verändert wurde, da die Flut die Steine und Muscheln jeden Tag wieder mit sich nahm und dem Meer zurückgab.

Jons Verlangen, ihr ein einziges Mal nahe zu sein, sie von Angesicht zu Angesicht zu betrachten, wuchs von Tag zu Tag.

 

Heute ging Tomo das letzte Mal an den Strand, um sich zu verabschieden. Sie hatte eine Lieblingsstelle, an der ein großer Baumstamm lag.

Noch einmal hier, dachte sie, drehte sich vor Freude ein paar Mal im Kreis und ließ sich in den Sand fallen.

 

Sie wusste nicht, dass Jon in den Dünen saß und ihr dabei zusah.

 

Tomo schloss die Augen und lauschte dem Geräusch des Meeres, das sie so liebte.

Wie eine immer wieder kehrende Melodie kamen die Wellen an den Strand, brachen am Ufer und zogen sich wieder zurück in den großen weiten Ozean.

Tomo fühlte sich frei, unendlich frei im Inneren ihres Herzens und sie war glücklich, sehr glücklich.

 

Sie bemerkte nicht, als sich Jon neben sie in den Sand setzte.

Erst nach einer Weile öffnete sie die Augen und sah den hübschen jungen Mann neben sich.

Sie blickte in seine dunkelbraunen, fast schwarzen Augen und obwohl sie Jon noch nie zuvor gesehen hatte, war er ihr vertraut, so als kannten sie sich eine Ewigkeit.

 

„Ich heiße Jon“, sagte er.

„Ich bin Tomo“, antwortete sie.

 

Tomos Herz pochte schneller, immer schneller. Sie spürte eine angenehme Wärme, die sich über ihren ganzen Körper ausbreitete. Jon ging es nicht anders.

Er sah sie an, sie sah ihn an. Sie fühlten sich magisch voneinander angezogen. Ihre Gesichter kamen sich immer näher bis sich ihre Münder berührten, langsam und sanft.

Tomo schloss die Augen. Ihr kam dieser Moment wie eine Ewigkeit vor und sie wollte nicht, dass er jemals endete. Jon öffnete die Augen, blickte in ihr schönes Gesicht und strich ihr behutsam übers Haar. Sie lächelte ihn an.

 

Er nahm Tomos Hand, zog sie auf und ohne ein Wort miteinander zu wechseln, folgte sie ihm. Warum wusste sie nicht.

Er brachte sie in sein Haus. Tomo kannte das Haus mit den vielen großen Fenstern, dachte immer, es wäre unbewohnt.

Oft hatte sie sich gefragt, wer wohl in diesem Haus wohnte, wollte nur ein einziges Mal durch die großen Glasflächen auf die Bucht blicken und malte sich immer wieder die wunderschöne Aussicht von dort aus.

 

Jon zog sie langsam zu sich, sah in ihre strahlend blauen Augen und küsste sie zärtlich.

Tomo war wie gelähmt, wie von Sinnen, vergaß alles um sie herum, spürte nichts und doch so vieles. Sie war dem Zauber dieses Mannes vom ersten Augenblick an verfallen, konnte sich nicht dagegen wehren und wollte es auch nicht.

 

Jon streichelte mit seinen schlanken Fingern über ihr Gesicht, über ihre zarten Wangen und küsste ihren Hals.

Tomo war nicht imstande einen klaren Gedanken zu fassen, stürzte sich in die Wellen der Gefühle, die sie überkamen und ließ sich von Jon aufs offene weite Meer tragen.

Er berührte ihren Körper, liebkoste sie und Tomo durchflutete unersättliche Begierde, überall in jeder Zelle ihres Körpers breitete sich die Wollust aus, wie eine Flut die sich anbahnte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie ein Gefühl wie dieses.

Sie streichelte über seinen wohlgeformten Körper und ihr Verlangen nach ihm, mit ihm zu verschmelzen wuchs ins Unermessliche.

Jons Atem wurde schneller, es durchströmten ihn unbeschreibliche Wogen der Lust, als sie ihn berührte. Er wollte, dass sie ihre Hände nie wieder von ihm nahm.

Er drang behutsam und langsam in sie ein. Tomo erwiderte seine Bewegungen und drückte seinen Körper fest an den ihren, um ihn vollkommen in sich aufzunehmen.

Immer schneller wurde ihr Atem und trieb sie an die Spitze der Lust.

 

Sie fühlten sich wie in Trance, als sie voneinander ließen. Ihre Körper lagen still aufeinander, die Wellen der stürmischen Flut hatten sie zärtlich und sicher wieder an den Strand zurück gespült.

Sie blickten sich schweigend an, lagen hingegeben und verzaubert nebeneinander und schliefen Arm in Arm ein.

 

Als Tomo am nächsten Morgen aufwachte war Jon weg. Es lag ein Umschlag an seiner Stelle. Sie öffnete diesen und las:

 

„Taku aroha ki a koe“ [1] Jon

 

Tomo stand auf und genoss die einzigartige Aussicht, die sich von hier bot. Eines wusste sie gewiss, den Ausblick durch diese Fenster würde sie niemals in ihrem Leben vergessen.

Dann rief sie ein Taxi und machte sich auf den Weg zum Flughafen.

 

Inge Hauser

 

 

 

 



[1] „Ich liebe dich“ in Maori

 

 

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